Die Mitte sollte das Fundament des Körpers darstellen. Die Achse, um die sich alles dreht. Sie verleiht Deinem Lebensrad Stabilität, damit Du ohne großes Wanken durch das Leben gleiten kannst. Die Mitte verbindet oben und unten. Himmel und Erde. Doch diese Verbindung fehlt bei vielen von uns komplett. Oftmals sehe ich eine Mitte, die wie ein schwarzes Loch von innen heraus einen unaufhörlichen Sog erzeugt. Eine riesengroße Leere, die es unmöglich erscheinen lässt, sie jemals wieder zu füllen. Keine Zufriedenheit, man ist ständig hungrig nach mehr, anstatt satt und glücklich sich einmal über die bereits gelebten Erfolge zu erfreuen.
Dann gibt es wiederum auch oftmals das Gegenteil: Die Mitte, bzw. der Bauch, ist zum Bersten vollgefühlt. Nichts passt mehr hinein - weder Essen, noch andere Eindrücke und Emotionen. Die Verdauungskapazität ist gleich null. Genauso das eigene Energielevel. Erschlagen und völlig kraftlos kämpft man sich durch die Woche, um endlich das Wochenende zu erreichen. Zusammenfassend: Das Leben ist für viele oft mehr Kampf als Vergnügen.
Doch wie sieht eine gesunde Mitte eigentlich aus? Diese Frage stelle ich mir schon lange. Gibt es doch scheinbar in unserer Gesellschaft nur entweder Schwarz oder Weiß, entweder ganz oder gar nicht. In der Arbeit noch hochfunktional, und zuhause dann nur mehr ohnmächtig am Sofa. Entweder Extremsport oder doch die komplette Bewegungsphobie und festgefahrene Stagnation? Den ganzen Tag fasten und dem nächsten Ernährungstrend hinterhereifern oder doch non-stop sich den nächsten Snack in den Mund schieben, eine Ausbildung nach der anderen absolvieren oder doch die komplette Ratlosigkeit mit dem eigenen Leben. So wirklich einen gesunden Mittelweg gehen die Wenigsten, und glücklich kann man so auf jeden Fall nicht werden.
Und auch das Klima scheint sich nur mehr zwischen den Extremen hin- und herzubewegen. Entweder bitterkalt, regnerisch und stürmisch oder Hitzewarnungen den ganzen Sommer hindurch. Es fehlen die Übergangszeiten, die Graustufen. Und das in jeglichen Bereichen.
In den asiatischen Philosophien wird oft vom Mittelweg gesprochen. Ein Mittelweg, um im eigenen Leben wieder zu mehr Harmonie und Gleichgewicht zu finden. Doch wie funktioniert das eigentlich? Intensiv habe ich mich damit beschäftigt, war doch auch bei mir vor einigen Jahren die eigene Mitte kaum vorhanden. Es ist eigentlich mehr als simpel, die Umsetzung jedoch oftmals schwieriger als gedacht! Einerseits sollte man sich ein wenig in Mäßigung üben, sei es in materieller sowie auch in immaterieller Hinsicht. Anstatt zwischen Überfluss und Mangel zu pendeln, sollte sich eine gewisse Gleichmäßigkeit einspielen. Verlange nicht zu viel von Dir, aber lebe nicht in einer ständigen Vermeidungsstrategie. Anderseits sollte man sich mit dem Gedanken aussöhnen, dass im Leben ständig alles rund laufen wird. Freude sowie auch der Schmerz gehören zum Leben dazu und sind natürliche Aspekte eines jeden von uns. Statt gegen den Fluss des Lebens anzukämpfen, solltest Du Dich vielleicht einfach mal dem Fluss hingeben und Dich treiben lassen. Weil so wie es uns die Jahreszeiten zeigen, ist die Natur in einem ständigen Wechsel, und auf einen heißen Sommer, kann auch oftmals ein umso kälterer Winter folgen. Das Wichtigste dabei ist jedoch, nicht aus der eigenen Balance zu kommen und einfach zu beobachten. Egal, ob es stürmt, schneit oder die Sonne ganz hoch am Himmel steht: Man kann darauf vertrauen, dass jede Phase einmal vorübergeht. Versuche also einmal statt Dich den Extremen hinzugeben, einfach ruhig zu bleiben und dem Ganzen amüsant zuzuschauen. Zentriert und stabil abwartend, bis im eigenen Wasser der Sand sich wieder gelegt hat, und die Sicht wieder klar geworden ist. Und je mehr man bestimmte Dinge auslässt bzw. wieder langsam einführt, umso mehr kann man sich der eigenen Mitte, der eigenen Gelassenheit wieder annähern.
Was bringt Dich in die eigene Mitte? Und wo und wann spürst Du innere Zufriedenheit?
Sophie Roffeis, Dez 2024